Geglückte Balance zwischen Komik und Tragik

Das Freudenstädter Sommertheater feierte am Mittwoch Premiere / Herausragende Leistung / Auch das Wetter spielte mit


Starke Bilder, gefühlsbetonte Momente, eine dichte Inszenierung und eindrucksvolle schauspielerische Leistungen - das diesejührige Sommertheater "Theresa - eine Freudenstädter Trümmergeschichte" kann nur höchstes Lob gezollt werden. Das Premiere-Publikum war begeistert.

Eine Geschichte über das kriegsgebeutelte Freudenstadt passt natürlich nicht in die Naturidylle eines Kienbergs oder den geschützten Raum eines Kurgartens. Mitten in die Stadt hinein hat Regisseur Peter Höfermayer das diesjährige Sommertheater-Stück verpflanzt, nimmt in Kauf, dass vorbeidonnernde Züge und Verkehrsgeräusche das gesprochene Wort übertönen. An Authentizität war ihm gelegen. Und diese liefert ihm trefflich - der Bauhof.
Hierhin werden die Zuschauer/innen nach einem kurzen, appetitmachenden Prolog am eigentlichen Spielort - dem Innenhof der Christophorusschule - geleitet. Zwischen Unkraut überwucherten Stein- und Geröllhaufen, aufgetürmten Straßenaufbruchmaterial, Schrott-Containern und Splittkästen wird spott-artig Freudenstädter Kriegs- und Nachkriegszeit beleuchtet. Mit stummen Gesten, mit dem Verlesen von aus der Gefangenschaft geschriebenen Briefen, mit dem Monolog eines heimkommenden, verletzten Soldaten, mit einer die Enfnazifizierung ad absurdum führenden Szene und mit dem verbalisierten Traum von Arkadien.
Es sind unter die Haut gehende Eindrücke, verstärkt noch durch die Trostlosigkeit des Ortes und überhöht durch die Bilder ihrer vermissten Männer in Uniform, die verzweifelte Frauen dem Zuschauer-Tross entgegenstrecken.
Herbe Kost für ein Sommertheater. Das sich anschließende Bühnengeschehen ist eigentlich auch kein Stoff, aus dem Sommertheater sind. Freudenstadt liegt in Trümmern, die Menschen darben, müssen sich der Ausgangssperre unterwerfen und der von ihnen so empfundenen Willkür der französischen Besatzungsmacht fügen.
Doch erstaunlicherweise gelingt es, die harten Lebensumstände in unterhaltsames Volkstheater umzumünzen. Es gelingt, weil Höfermayer phantastisch mit oder auf der Klaviatur der Gefühle zu spielen weiß. Und da, wo es menschelt, findet das bittere sein Ventil und der Zuschauer sich wieder.
Das Verschwinden der achtjährigen Theresa ist der rote Faden, an dem sich das Stück entlang bewegt. Es ist aber vor allem der Kunstgriff, um die ganze Gefühlswelt innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges offen zu legen: Verzweiflung und Zorn, Entsetzen und Wut, Gleichgültigkeit und Egoismus, Schuldzuweisung und Vorverurteilung. Mag manche Situation auch überspitzt sein, sie kippt nie ins Lächerliche. Jede Szenen bleibt durch und durch glaubwürdig.
Fast zweieinhalb Stunden dauert die Vorstellung, und die Anmerkung sei erlaubt, dass die eine oder andere Facette der Straffung der Handlung zuliebe getrost hätte weggelassen werden können. Doch ist Höfermayer keineswegs anzulasten, zu langatmig zu werden. Collagengleich reiht sich Ereignis an Ereignis, wechselt Tragik mit Komik. Dramatischen Szenen wird kurz vor dem Kippen die Spitze gebrochen, schwülstigen Liebesschwüren durch geniale Einfälle die Peinlichkeit genommen.
Einige Szenen, wie die Massenprügelei in Zeitlupentempo erinnern gar an großes Theater. Die Lichteffekte sind gekonnt eingesetzt. Die Musik - mal vom Band, mal live auf dem Akkordeon (Regina Hirschle) gespielt - ist mehr als nur gefälliges Beiwerk. Und selbst ein überraschender spontaner Beifall hervorrufender Schluß wurde gefunden.
Doch was wäre ein Theaterstück ohne Schauspieler/innen, die es überzeugend transportieren. Und spästestens jetzt muss dem gesamten Ensemble ein großes Kompliment ausgesprochen werden. Manche Rollen sind so überzeugend dargeboten, dass kaum zu glauben ist, dass es sich hier um Laienschauspieler handelt. Pirmin Arnold als der kleine Lorenz beispielsweise oder Michael Bartholomä und Sylvia Porsche-Horlacher als die Eltern von Theresa. Höchst eindrucksvoll mimt Rainer Lernhardt, der Autor des Stücks, den ausgegrenzten Stummen, und mit unbewegtem Gesichtsausdruck witzig-spritzig sind die beiden Herren in Uniform, Thomas Fischer und Timothy Gebhard.


aus der Südwestpresse, vom 3.August 2007 | Doris Wegerhoff







zur Premiere-Kritik des Schwarzwälder Boten >>>





.. ..