Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
in der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeiten
Der ihr entronnen seid

Bertolt Brecht


Liebe Zuschauer, liebe Zuschauerinnen,
liebe Freudenstädter,
liebe Gäste,
liebe Leut,

unser diesjähriges Sommertheater führt uns in eine, wie Brecht es nannte, FINSTERE ZEIT zurück. Die Geschichte dazu ist frei erfunden, aber sie erscheint möglich, angesichts der Katastrophe, in die auch Freudenstadt in den letzten Kriegstagen schlitterte.
Ist das denn der Stoff, aus dem Sommertheater sind?
Es ist eine leise, einfache, unaufdringliche Geschichte. Anklagend, moralisierend will sie nicht sein. Es ist eine Geschichte über Menschen, ihre Ängste und Nöte. Gerade deshalb eignet sie sich, um sie in kraftvolles Volkstheater umzusetzen. Theater, das neugierig macht auf die Geschichte Freudenstadts.
Das Stück in schwäbischer Mundart, ihr zuweilen derber Klang, trifft den Kern. Manchmal raubauzig, manchmal einfühlsam, oder richtig zornig, aber immer herzlich. Ganz im Sinne des Tübinger Wengerters, der einem Professoren, der sich in seine Weinberge verirrt hatte, massive körperliche Züchtigung androhte, falls dieser nicht sofort verschwinde: " I schlag d'r d Haxa ab, dass du auf de Stompa hoim grattla kanscht!" Um dann den Professoren, auf dessen Frage warum er denn so grob zu ihm sei, zu beschwichtigen: "M'r sagts euch bloß im Guata!"
Und so haben auch wir uns in dieser Inszenierung, mit viel Witz, Tempo und den Hang zur Übertreibung auf die Suche nach dem Komischen im Tragischen gemacht. Haben uns auf die Suche begeben, nach den Bildern und Augenblicke, die die Realität ironisch brechen.
Heraus gekommen ist eine Inszenierung, die spielerisch leicht mit dem Thema umgeht. Spielerisch auch mit den Theatermitteln, im Umgang mit Requisiten und Bühne sparsam, fast möchte ich sagen: Schwäbisch knausrig.
Aber die Absicht dahinter ist eine völlig andere.
Auf der leeren Bühne, im "leeren Raum" (Peter Brook), entstehen durch die Imagination, die Fantasie der Zuschauer und das Spiel der Spieler und Spielerinnen, die Bilder. Denn nichts beflügelt die Fantasie mehr als die Leere.
Für mich ist es immer wieder erstaunlich, was für anregende Theatererlebnisse aus solchen, eigentlich nur auf das Wesentliche beschränkte Aufführungen resultieren.
Wieder eine große Herausforderung für das Sommertheaterensemble. Die pure Schauspielerei steht im Mittelpunkt.
Dreißig Schauspielerinnen und Schauspieler verbringen zwei Stunden gemeinsam auf der Bühne und erzählen zusammen, wie es dazu kam und wie es endet.
Neu auch der Autor des Stücks. Er ist ein Eigengewächs des Sommertheaters, ich darf ihn, und ich hoffe, er nimmt mir das nicht krumm, trotz seines gesetzteren Alters, als Nachwuchsschriftsteller bezeichnen. Den regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern des Sommertheaters bestens bekannt als Ezechiel im Kalten Herz, in Anna Zecher, im Tatort Freudenstadt als Freudenstädter Dichter Karl Feigenbaum, usw: Rainer Lernhardt.
Neu auch der Schauspielort. Nicht das Kurhaus und auch nicht der Kienberg. Sehr schnell war klar, dass die beiden Orte nicht in Frage kommen. Mit ihrem parkähnlichen und natürlichen Ambiente nicht denkbar. Das Stück wollte in der Stadt gespielt werden. Und so machten wir uns auf die lange Suche und fanden in der Chrisophorusschule einen geeigneten Platz.
Theater heißt für mich auch immer: unterwegs sein. So bieten gleichermaßen neue Orte, die auf den ersten Blick für Theater nicht geeignet zu sein scheinen, den Raum für eine Reise. Es gilt Entdeckungen zu machen, einen Ort mit ganz anderen Augen zu sehen. Geschichten zu erzählen, weg vom Alltag einzutauchen in eine andere Welt.
Theater erleben!
Mein Dank gilt den Schauspielerinnen und Schauspielern und allen, die das Ihrige zum Gelingen des Freudenstädter Sommertheaters beitragen.!
Es grüsst Sie!

Peter Höfermayer




zum Vorwort von Paul Siemt >>>



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